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Gestern – heute – morgen

Kalenderwoche 8 im Jahr 2019
18.02.2019 - 24.02.2019

von Kerstin Kilb (Pastoralreferentin)

Gestern – heute – morgen


Schwelgen Sie auch gerne in Erinnerungen? Die meisten Menschen tun es und es ist meist auch angenehm, weil es in unserer Natur liegt, die Vergangenheit zu verklären. Unangenehmes wird ausgeblendet, Reibungspunkte werden geglättet und in der Rückschau scheint vieles gar nicht so schwer gewesen zu sein.
Bilder, die Erinnerungen transportieren, sind heute so leicht und zahlreich verfügbar wie nie zuvor. Bilder zu betrachten, egal ob im Fotoalbum oder in Gedanken, kann die alten Gefühle wieder hervorbringen.
Wenn das Leben aber grundsätzlich die Richtung des „Zurück“ annimmt, kann es gefährlich werden. Hinter der Sehnsucht nach der vermeintlich besseren Vergangenheit („früher war alles besser“) könnte ein Mangel an Gegenwart und Vertrauen in die Zukunft verborgen sein. Erinnerung allein reicht nicht aus für ein gelingendes Leben im christlichen Verständnis.
Sogar ein Leben nur im Hier und Jetzt wird schnell fad, wenn die Perspektive in die Zukunft hinein fehlt. Natürlich ist der Moment kostbar und die Freude am Gegenwärtigen berechtigt, aber es drängen sich ja geradezu die Fragen nach der Richtung oder Entwicklung des Kommenden auf: Wo will ich leben, mit wem möchte ich unterwegs sein, was will oder muss ich ändern...?

Das heutige Sonntagsevangelium hat einen geradezu bedrohlichen Klang, der sich auf Gegenwart und Zukunft bezieht.
Jesus ruft: "Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen".
Das "Wehe!" Jesu ist aber keine Drohung, sondern eine Warnung, denn es geht ihm darum, dass menschliches Leben glückt und dass die geschenkte Zeit gut genutzt wird.
Jesus hat nichts gegen das Lachen; es ist schließlich etwas Verbindendes und Befreiendes. Vielmehr geht es um das, was uns im Leben trägt; um das, worauf wir aufbauen, also das Fundament unseres Lebens.
Wahre Liebe weiß um ihre Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit und sie kommt dadurch zustande, dass wir darum wissen und uns trotzdem auf sie einlassen.
Und beim Lachen stellt sich die befreiende Kraft dann ein, wenn es zwar den Ernst einer Situation unterbricht, aber ihn nicht gänzlich ignoriert. Dann alles, was wir sind und haben, ist vergänglich. Damit ist es nicht entwertet. Fatal wäre nur, wenn hinter der fragilen Vergänglichkeit nichts anderes wäre, was trägt und Halt gibt.

Das Vertrauen in Menschen gelingt letztlich nur, wenn wir im anderen zugleich ein Gottgeschöpf sehen und uns öffnen. Das Lachen befreit nur, wenn das Mitwirken Gottes am eigenen Leben zumindest erahnt werden kann.
Wenn Jesus die Hungernden, Weinenden und zu Unrecht Verfolgten selig preist, dann nicht, um Hunger, Tränen oder Unrecht zu glorifizieren, sondern weil es Situationen der Gegenwart sind, die wir alle (mehr oder weniger) kennen und die auf Zukunft verweisen.
Scheuklappenmentalität und Selbstgerechtigkeit, kurzum Sattheit im Jetzt, hingegen kann gefährlich sein, weil sie den Blick auf das, was trägt und auf das, was kommt, vernebelt und in die Isolation führt.
Wenn das Betrachten von Bildern aus der Vergangenheit nicht eine Flucht aus der Gegenwart ist, sondern dazu dient, das eigene Fundament zu kennen und das Leben anzugehen, wie es ist – mit all seinen Höhen und Tiefen – dann wird es gut. Von Gottes Liebe, die uns tragen will, kann uns nichts trennen, wenn wir auf sie vertrauen - zu keiner Zeit. Amen