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Begegnung mit dem anderen

Kalenderwoche 23 im Jahr 2018
04.06.2018 - 10.06.2018

von Susanne Degen (Pastoralreferentin)

Begegnung mit dem anderen

Als ich es das erste Mal angeschaut hatte, da kamen mir die Tränen. Beim zweiten mal auch, und noch beim dritten Mal.
Was habe ich gesehen? – Ich habe ein Experiment gesehen. Was passiert, wenn Menschen sich vier Minuten lang in die Augen schauen – ohne zu reden, ohne sich zu berühren. Einfach nur vier Minuten Augenkontakt. Die Idee dazu stammt von Arthur Aron.

Amnesty international hat Menschen in eine Fabrikhalle in Berlin eingeladen. Menschen aus Belgien, Polen, Deutschland, Großbritannien und vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien.

Es ist eine große, leere Halle. Zwei Sitzgelegenheiten. Die Menschen, die sich begegnen, werden mit geschlossenen Augen von anderen dorthin geführt. Und dann, wenn sie sich gegenüber sitzen, machen sie die Augen auf. Es sind zwei Kinder, zwei Mädchen, es sind junge Leute, es sind ältere Leute bei diesem Experiment dabei.

Ganz behutsam fängt die Kamera die Augenblicke ein. Das Blicken und das Angeblickt-werden. Der wortlose Augenkontakt ermöglicht eine tiefe Begegnung mit dem anderen, dem zunächst Fremden. Und man spürt wie dieses Fremdsein langsam schmilzt, wie eine Verbindung zwischen diesen beiden Menschen entsteht, weil sie sich als Menschen wahrnehmen. Als Menschen wahrnehmen, die ein Schicksal haben, die lieben, hoffen, glauben, die eine Geschichte und eine Sehnsucht haben.

Eine Frau aus Syrien beginnt zu weinen. Man braucht keine Worte um zu erahnen, warum.

Den beiden Mädchen sind ein bisschen befremdet von diesem „nur schauen“. Sie schlenkern mit den Beinen und schauen auch mal ein bisschen zur Seite. Gar nicht so leicht, jemand so lange anzuschauen. Und dann – nach den vier Minuten – stehen sie nur kurz unschlüssig da, bis eine die andere berührt und zu einem Fangenspiel einlädt. Geht ganz ohne Worte.

Eigentlich alle berühren sich auch nach den vier Minuten. Fassen sich an den Händen, umarmen sich. Und die Wertschätzung, die Anteilnahme, das Verstehen, ja, das Angenommensein als Mensch, einfach weil man Mensch ist – das ist alles greifbar, spürbar da.

Es sind wunderschöne Begegnungen. 5 Minuten dauert der kleine Film. Es lohnt sich ihn anzuschauen. (Entweder „Look Beyond Borders“ als Suchbegriff eingeben oder folgenden Link: https://www.youtube.com/watch?v=f7XhrXUoD6U )

Die Begegnung mit dem anderen – das ist in unserem christlichen Verständnis auch immer die Begegnung mit dem ganz Anderen – mit Gott. Teilhard de Chardin hat es einmal wunderschön in ein Gebet gebracht:

Mein Gott, lass mir im Leben des andern dein Antlitz leuchten. Das unwiderstehliche Licht deiner Augen, das auf dem Grund der Dinge strahlt, hat mich schon zu jedem Werk begleitet, das ich vollbringen, und zu jedem Schmerz, den ich ertragen musste. Gib, dass ich dich auch und vor allem im Innersten der Seele meiner Brüder und Schwestern erkenne.