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Zwischen Bonifatius und Börse – unterwegs auf der A 66: 1200 Jahre Weißkirchen

Kalenderwoche 33 im Jahr 2018
13.08.2018 - 19.08.2018

von Mathias Wolf (Diakon)

Bonifatiusbrunnen Die A66 und in der Verlängerung die A5 sind eine Lebensader im nördlichen Rhein-Main-Gebiet in Ost-West-Richtung. Wo heute mehrmals täglich Tausende im Stau stehen, da herrschte schon vor 1200 Jahren reges Treiben.
Auf dieser Route wurden im Jahr 754/755 die sterblichen Überreste von Bonifatius nach Fulda gebracht. Der Bonifatiusbrunnen und das ehemalige Kloster St. Crutzen auf dem Riedberg sind stumme Zeugen dieses Ereignisses. Das Dorf Weißkirchen feiert an diesem Sonntag sein 1200-jähriges Bestehen und blickt zurück.

Diese Zeit des Bonifatius vor gut 1200 Jahren war vom Übergang geprägt: Die dunklen Jahrhunderte der nachrömischen Zeit und Völkerwanderung gingen zu Ende. Mönche aus dem fernen Irland brachten nicht nur das Christentum (zurück) in unsere Gegend, sondern mit ihnen kam auch das Wissen der damaligen Zeit. So veränderten sich langsam auch die Landschaften: Klöster, kaiserliche Pfalzen, befestigte Siedlungen und vor allem Straßen entstanden. Dieser äußere Wandel ging einher mit dem Aufbau einer gesellschaftlichen Ordnung. Weltliche Herrscher wussten die organisatorischen Geschicke der Mönche, Äbte und Bischöfe zu schätzen und übertrugen ihnen Aufgaben in der Verwaltung. Es entstand ein Netz der Strukturen und Ordnungen, die unsere Landschaft und unsere Gesellschaft bis heute prägen. Damit einher ging auch die Schaffung einer geistigen Welt. Der christliche Glaube und die Praxis des Kirchenjahres prägte für die nächsten Jahrhunderte das Leben, Fühlen und Denken der Menschen. Der Lebensalltag übers Jahr war religiös geprägt. So waren etwa die vielen Heiligenfeste, die „14 Nothelfer“ oder Frömmigkeitsformen wie Wallfahrten, Flurprozessionen und Wettersegen wichtige Termine im landwirtschaftlich geprägten Kalender. In diesem religiös geprägten Jahreslauf fand sich für die Menschen des Mittelalters letztlich die ganze von Gott geschaffene Schöpfungsordnung wieder. Jeder einzelne war wie selbstverständlich eingebunden in diesen großen kosmischen Zusammenhang.

Heute leben wir wieder in einer Umbruchsituation ähnlich jener vor 1200 Jahren: Alte Gewissheiten befinden sich in Auflösung und geben nicht mehr wie selbstverständlich den Orientierungsrahmen für unsere Gesellschaft und unsere Zeitgenossen. Religion und ihre Praxis ist Privatsache. Ein religiöser Markt von Angebot und Nachfrage ist entstanden. In der pluralen Welt ist die religiös geprägte Gemeinschaft keine Schicksalsgemeinschaft mehr.
Die Rolle der Religion hat in unseren Tagen wohl eher die Ökonomie übernommen. Wir können uns den Gesetzlichkeiten der Ökonomie nicht entziehen – weder als einzelner noch als Gesellschaft. Sie bestimmen unseren Lebensalltag. Ob die Börse in Frankfurt bleibt oder nach Eschborn zieht, ob sie mit der Börse in London fusioniert oder nicht, das treibt die Zeitgenossen um.

Diesen Wandel kann man bedauern. Man kann die Situation der pluralen Gesellschaft aber auch als Chance begreifen. Die Frage, welche Aufgabe und Funktion Religion für die Gesellschaft heute hat, ist wie damals vor 1200 Jahren neu zu stellen. Vielleicht wird die kirchlich verfasste Form von Religion eher wie eine Art „Raststätte“ sein: Menschen auf der Suche oder in existentiellen Nöten ein Ort zum Durchatmen und zur Orientierung.
Auch in unserer modernen Welt gibt es „religionsproduktive Tendenzen“, d.h. Orte und Gelegenheiten der Entstehung von religiösen Phänomenen. Es wird darauf ankommen, solche Orte sensibel wahrzunehmen und überzeugende Sinnangebote bereit zu halten und sie so anzubieten, dass sie als relevant und attraktiv wahrgenommen werden.
Religion bildet sich in unserer Zeit wie vor 1200 Jahren: aus Mosaiksteinen der Weltdeutung. Der einzige Unterschied zu damals besteht darin, dass heute das Individuum ein persönliches Mosaik der Weltdeutung im Laufe seiner Biographie zusammenstellt und zu Zeiten des Bonifatius eine ganze Gesellschaft ein neues Deutungsmosaik entworfen hatte.

Alles in allem: Es bleibt spannend entlang der A66 zwischen Bonifatius und der Börse.

Mathias Wolf, Diakon